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Die Erfindung des Deutsch-Pop

Elegant 1982
ELEGANT 1982

Im Laufe der nächsten Monate schrieben sie eine große Anzahl von neuen Liedern, die sie meistens gleich im Übungsraum mit einem gemieteten Mehrspur-Recorder aufnahmen. Zu diesen Songs gehörten „Schwarze Schiffe“, „Träumen mit Dir“, „Und Du denkst noch ich liebe Dich“, „Sie will’s machen“ und einer ihrer beliebtesten Live-Titel „Menschen in Beton und Stahl“. Die Songs wurden immer besser und hatten einen eigenen, individuellen Charakter, den es bei anderen Berliner Bands so nicht gab.

 

Die Gruppe gehörte zu keiner der damals in Berlin existierenden Szenen und spielte deshalb auch nicht den in diesen Szenen verbreiteten Hardcore-Punk. Zwar sangen einige dieser Bands ebenfalls deutsche Texte, die meisten kamen jedoch über das reine Imitieren englischer oder amerikanischer Vorbilder nicht hinaus. Die Musik von Elegant dagegen entwickelte sich in eine Richtung, die sie nach und nach unverwechselbar machte. Das hob sie von den meisten Bands, nicht nur in Berlin, ab.

 

So entstand schließlich ein völlig eigener Stil, den die Band selbst, in Ermangelung besserer Begriffe, „Deutsch-Pop“ nannte. Eine Zeitlang benutzten sie noch die Bezeichnung „Neudeutsche Art“. Da von den Medien in der Folgezeit aber fast nur der Begriff „Deutsch-Pop“ genutzt wurde, setzte dieser sich dann nach und nach durch.

 

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KURZE UNTERBRECHUNG

FÜR ALLE, DIE ES GENAUER WISSEN MÖCHTEN:

 

ELEGANT - Die Erfinder des Deutsch Pop

                 und der Neudeutschen Art

 

Wenn man heute die Zeit von 1979/80 bis etwa '82/83 verstehen will und selbst nicht das große Glück hatte, damals aktiv in dieser Szene beteiligt gewesen zu sein, vielleicht auch nur als Zuschauer, muß man sich klar machen, daß in jeder Hinsicht eine radikale Umwälzung des gesamten Kulturbetriebes stattfand.

 

Dieser Schnitt wird sehr deutlich, wenn man bedenkt, daß es im Großen und Ganzen zwei Lager von Musikkonsumenten gab. Das erste Lager bestand aus der Gruppe von Rock- und Pophörern, die sich in Ku'dammdiscos zur Musik von Foreigner, Toto, Diana Ross oder den Bee Gees bewegten.

 

In dieser Zeit machte diese Gruppe mit etwa 95% den größeren Anteil aus. Die zweite, weitaus kleinere Gruppe, bestand eben damals nur aus einer Hand voll Punk und New Wave Fans“. […]

 

„1983 bestand die Szene nur aus ein paar Leuten, die dafür optisch um so mehr in Erscheinung traten. Zu dieser Zeit nämlich trugen viele Leute aus der Alternativszene noch Latzhosen, Roots oder Gesundheitssandalen und hatten LP`s von sogenannten Liedermachern im Plattenregal.

 

Die Neue Deutsche Welle, als Anlehnung an die Neue Welle von Bands aus den USA oder Großbritannien ,New Wave, Punk oder Power Pop, war damals Sammelbecken und Etikett für alle neuen und mitunter experimentierfreudigen Gruppen aus Deutschland.

 

Wir wollten uns lediglich vom Etikett NDW etwas abheben und wählten neben dem Begriff „Deutsch Pop" auch die Bezeichnung „Neudeutsche Art". Der Begriff NDW war nämlich zu der Zeit (1983) schon zu negativ von rein kommerziellen Trittbrettfahrern, wie Hubert Kah, Frl. Menke und Co. besetzt, mit denen wir nicht in einem Atemzug genannt werden wollten“.

 

(Michael in einem Interview 2004)

 

 Ende der Unterbrechung, jetzt geht's weiter im Text:


Michael entwickelte jetzt ein unglaubliches Talent zum Songschreiben. Er war selbst ziemlich überrascht über seine Fähigkeiten. Innerhalb einer knappen Stunde konnte er komplette Songs schreiben, die nicht nur ihn, sondern auch den Rest der Band begeisterten. Und alle neuen Songs wurden gleich mit in das Live-Programm übernommen. So war die Band innerhalb kurzer Zeit in der Lage, ihre Live-Auftritte auf mehr als anderthalb Stunden zu verlängern.

 

Das war insofern nötig, da Elegant immer öfter für Konzerte gebucht wurde, ohne dass andere Bands dabei mit auftraten. Die Band war auch nicht wählerisch, was die mannigfaltigen Veranstaltungsorte anging. Sie spielten auf Straßenfesten und bei kirchlichen Veranstaltungen genauso wie in Jugendclubs oder in besetzten Häusern.

 

Es machte ihnen einfach Spaß, vor so vielen unterschiedlichen Leuten zu spielen und es trug nicht unerheblich zu ihrem musikalischen Selbstbewusstsein bei, dass sie so gut bei einem derart unterschiedlichen Publikum ankamen. Obwohl die Band zu Anfang oft für gewisse Irritationen sorgte.

 

In diesem Zusammenhang war in einem Interview mit der Berliner Morgenpost zu lesen: Im K.O.B. mussten sie sich ihr Publikum richtig erkämpfen. „Das war echt herbes Publikum, Punks samt Hahnenkämmen. Die konnten schon mit unserem Namen nichts anfangen und haben eben absolute Hardcore-Musik erwartet“, erzählt Rainer.“ Und Michael ergänzt: „ Erst dachten wir, das klappt nie, aber nach der Pause haben sie uns glatt Biere auf die Bühne gebracht“.(12)

Elegant-Badges

Schmutzig,böse,angriffslustig, doch so romantisch

Publikum bei einem Live-Auftritt von Elegant
Das Publikum war häufig irritiert

Viele Leute stellten sich unter dem Namen Elegant optisch und musikalisch etwas völlig anderes vor. Die vier von Elegant waren eben nicht elegant gekleidet sondern sahen eher wie eine Punkband aus und spielten auch so.

 

Das war von ihnen so gewollt. Sie wollten das Publikum irritieren und das gelang ihnen auch. Aber im Verlauf eines Konzertes bemerkte man, dass an dieser Band irgendetwas anders war. Sie erschienen zwar äußerlich wie eine gewöhnliche Punkband, spielten jedoch eine Musik, die sich in weiten Strecken völlig davon abhob. Sie spielten eine eigentümliche Mischung aus Punk, 60er Garage-Rock, Ska, und Schlager, jedoch ohne den typischen blankpolierten NDW- Schlagersound und ohne das sonst übliche Saxophon.

 

Einige der Texte entwickelten dazu häufig eine Provokationslust, die bis an die Grenze des bürgerlichen Geschmacks ging und auch so manchen Radiohörer erschreckte. Nach dem Vorbild britischer und amerikanischer Bands setzten sie ihre Rhythmen hart, schneidend und vor allem laut ein. Live stand die Band bald für aggressiven, schmutzigen Deutsch-Pop mit bösen aber auch sehr gefühlvollen Anteilen. Bei einigen Auftritten ging durch Rainers aggressive Performance so manches Möbelstück zu Bruch.

 

Ihre Hochgeschwindigkeitsmusik mit hohem Wiedererkennungswert galt vielen Veranstaltern bald als absolut empfehlenswert, denn inzwischen hatten Elegant etliche gute Songs auf der Pfanne und würzten viele ihrer Gigs mit den verschiedensten Überraschungen. Ob sie ein Motorrad auf die Bühne fahren ließen, Getränke, Blumen, Süßigkeiten, Parfümproben oder Verhüterli von der Rampe verteilten oder ein echter amerikanischer Cowboy zu Konzertbeginn mit seinem Colt den Rhythmus vorgab, Elegant waren immer für eine Überraschung gut.                                                

 

In "Rock-City", dem Handbuch der Berliner Musikszene 1983/1984, konnte man diesbezüglich lesen: „Ihre Musik, die sie selbst als Deutschpop bezeichnen, hebt sich erfreulich vom oftmals ziemlich langweiligen Einheitsbrei der Neuen Deutschen Welle ab. Bei Elegant geht, besonders live, die Post ab, wobei oft Leute aus dem Publikum in das Geschehen auf der Bühne mit einbezogen werden. Das wirklich besondere an den Stücken der Gruppe ist, daß diese einen eigenen Charakter haben, so daß der Stil der Gruppe unverwechselbar ist. Wer Elegant von ihrer Platte kennt, oder wer sie live erlebt hat, wird dies bestätigen können“.(13)

 

So spielten sie sich im Lauf der Zeit durch fast alle Berliner Clubs und Veranstaltungsorte, wie z.B. Metropol, Café Swing, Music Hall, Flöz, Jazzkeller, Noteingang, Weiße Rose, Alte Brauerei, Sector, Moabiter Musiktage, K.O.B. usw.

Die Berliner Band Elegant 1982

                  Wolfgang, Hansi, Michael, Rainer

Zwischen Melodie und Rhythmus

Elegant, Life-Auftritt
Michael, Wolfgang, Hansi, Rainer

Vom Erfolg angespornt und inspiriert von den vielen neuen Songs, die Michael und er in der Zwischenzeit geschrieben und bereits in Eigenregie aufgenommen hatten, begann Rainer erste Kontakte zu verschiedenen Musikverlagen zu knüpfen. Zusätzlich bestärkt wurden sie durch die gute Resonanz, die die Songs im Radio erzielten.

 

Inzwischen war die Band mehrfach von dem beliebten Diskjockey Jürgen Jürgens in seine SFB-Sendung „Hey Music“ eingeladen und mit jeweils neuen Songs vorgestellt worden. Im März 1983 sendet der SFB zusätzlich ein ausführliches Portrait der Gruppe. Der Titel lautete: „Elegant - Deutschpop zwischen Rhythmus und Melodie“.(14) Neben der Biografie der Band bekamen die Hörer auch ihre neuesten Aufnahmen „Illusion der Nacht“, „Wenn die Amsel singt“, „1, 2, 3, vorbei“, „Einsamkeit“ und „Hits Hits Hitze“ zu Gehör. Die Reaktion auf diese Radiosendung war überwältigend.

 

Am nächsten Tag glühten bei Rainer und Michael die Telefone. Alle möglichen Leute riefen an und fragten, wann und wo man die Songs bekommen könnte. Leider mussten allesamt auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet werden, da es die Lieder noch nicht auf Schallplatte gab.

 

Es existierten zu diesem Zeitpunkt nur die Masterbänder aus den Aufnahmestudios. Die Band war zwar seit geraumer Zeit auf der Suche nach einer Plattenfirma, hatte aber noch keine gefunden. Mitte April `83 bekam Rainer die ersten Angebote von Musikverlagen, verbunden mit der Option, Probeaufnahmen zu machen. Allerdings wollte die Gruppe nichts überstürzen und abwarten, bis auch die letzten Antworten eingegangen waren. Aber erst Ende August lagen alle Angebote vor und Rainer konnte endlich, in Vertretung der Band, mit den Verlagen in Verhandlungen treten.

 

Zur gleichen Zeit veröffentlichte das Berliner Stadtmagazin Tip einen großen Bericht über das Quartett. Die Band fühlte sich geehrt. Das größte Berliner Stadtmagazin widmete einer Newcomer-Band eine ausführliche, zwei Seiten lange Reportage.(15) Das gab es nicht so oft.

 

Der fachkundige Journalist Wolfgang Doebeling setzte sich darin ausgiebig und durchaus kritisch mit den Qualitäten der Gruppe auseinander. Er äußerte ernsthafte Zweifel darüber, ob es „eine junge Berliner Gruppe mit dem nicht sehr viel versprechenden Namen Elegant“ schaffen könnte, mit deutschen Texten erfolgreich zu sein.(16) Wolfgang Doebeling war kein Freund deutschsprachiger Musik und machte daraus keinen Hehl. An den meisten deutschen Bands, die er, nebenbei, in diesem Artikel erwähnte, ließ er kein gutes Haar. In Sachen Elegant war er sich seiner Sache allerdings nicht so sicher. „Mich davon zu überzeugen, gelingt Elegant (noch) nicht“ schrieb er weiter. (17)

 

Die Band ihrerseits jedoch schien überzeugt zu sein, denn sie verteidigten ihm gegenüber ihr Konzept vehement. „Sie selbst sind sich ihrer Sache allerdings ganz sicher. Und sie haben eine Reihe ausgezeichneter Argumente auf ihrer Seite“. (18) Im Fazit kommt er schließlich zu der Aussage: „Elegant wollen eine Pop-Gruppe sein, die Musik für die achtziger Jahre macht. Schräg, hart und poppig, pfiffig und kantig. Mit deutschen Texten zwischen Melodie und Rhythmus.“… „Kein Zweifel, Elegant sind eine Einheit. Vier Freunde, die ihren Stil gefunden haben. Zumindest ihren musikalischen. Imagemäßig müssen sie sich noch einiges einfallen lassen. Ihr äußeres Erscheinungsbild ist noch arg widersprüchlich, denn: „Der Name verpflichtet bis zu einem gewissen Grad.“(19)

 

Durch das Erscheinen dieses Artikels wurden Elegant mit einem Schlag einem sehr großen Publikum bekannt.

Michael Pfeiffer von Elegant
Michael am Baß.

Ach übrigens,ganz nebenbei:

Michael pflegte des öfteren scherzhaft über sich zu sagen:

"Mal spielt er Baß, mal spielt er besser".